Bhimabhai liebt Hochzeiten und Discovery Channel. Und er ist Baumwollbauer. Mit ihm beginnt unsere lange Produktionskette. Bhimabhai ist einer der Bauern, von denen wir unsere Bio-Baumwolle bekommen. Wir haben ihn in seinem Dorf in Indien besucht, bei der Ernte geholfen und uns seine Geschichte angehört. Aber ganz von vorne...

Namaste India! Sightseeing in Rajkot bei 37 Grad

In aller Herrgottsfrühe kommen wir in Rajkot an. Die Stadt ist der Knaller. Laut, hektisch und wunderbar - auch bei 37 Grad und langen Hosen...(man will ja nicht auffallen ;-)). Rajkot liegt in Gujarat und zählt 1,3 Millionen Einwohner. Also praktisch ein Dorf - für indische Verhältnisse.

Bevor wir (Julia & Katia – machen Nachhaltigkeit und PR bei ARMEDANGELS) Bhimabhai und seine Familie kennenlernen, haben wir ein bisschen Zeit durch Rajkot zu schlendern. Früh morgens ist das eine ganz angenehme Angelegenheit. Die Tempel & Märkte sind noch nicht überlaufen und die Temperatur hält sich in Grenzen. Noch! Wir haben das Gefühl, dass die Menschen hier noch offener und herzlicher sind, als in Mumbai. Was daran liegen könnte, dass Rajkot noch nicht zu den Touristen-Hotspots Indiens zählt.

Begleitet werden wir von Sanchey und Nikhil. Beide arbeiten bei Suminter, dem Unternehmen von dem wir unsere Bio-Baumwolle bekommen und das eng mit den Bauern zusammenarbeitet. Sanchey und Nikhil sind immer zur Stelle wenn’s drauf ankommt und werden uns in den nächsten Tagen noch so einige Türen öffnen. Doch dazu später mehr....


„I am happy that my land is happy!“

Als wir in Lakhchokiya ankommen, wartet bereits das ganze Dorf auf uns. Das heißt: Bhimabhai’s Familie! Denn fast alle Dorfmitglieder sind miteinander verwandt. Allein sein Bruder Shamjibhai hat 10 Kinder, 28 Enkel und 10 Ur-Enkel. Wir sind ein bisschen aufgeregt – unsere Gastgeber auch. Zur Begrüßung bekommen wir erst mal ein Bindi (traditioneller roter Punkt auf der Stirn und eine Art Segenszeichen) und den bisher leckersten Chai der Reise. Dann beziehen wir unser Zimmer. Wir dürfen in Bhimabhais Bett schlafen. Da passen wir zu dritt auch locker rein. Er schläft mit seiner Frau auf dem Dach (!!). Unsere Widerreden werden dezent überhört. Gäste werden hier wie „Götter“ verehrt...und so fühlen wir uns auch.

Am nächsten Tag geht’s aufs Feld. Wir helfen bei der Baumwollernte. Bhimabhai ist in seinem Element. Er weiß wovon er spricht. Seit 25 Jahren pflanzt er Baumwolle an. Damals wurde das Land seines Vaters unter den Brüdern aufgeteilt. Er erklärt uns, dass Baumwolle drei „growing stages“ hat: Birth stage, youth stage & mature stage – genau wie das menschliche Leben. Zumindest bei den Meisten. Irgendwie poetisch. Baumwolle spielt in Indien überhaupt eine große Rolle. Nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch in der Religion und der Kultur.

Die Baumwolle lässt sich leicht vom Strauch lösen und fühlt sich so flauschig an wie sie aussieht. Die geerntete Baumwolle kommt in eine Schürze. Beim konventionellen Anbau wird die Baumwolle mit chemischen Entlaubungsmitteln besprüht um die maschinelle Ernte zu erleichtern. Genau um das zu vermeiden, wird Bio-Baumwolle von Hand gepflückt.

Je länger wir uns mit Bhimahbai und den anderen Bauern unterhalten, desto mehr merken wir, wie stolz sie darauf sind „Organic Cotton Farmer“ zu sein. Sie sind stolz auf ihr gesundes Land, das nicht durch Pestizide und genmanipuliertes Saatgut zerstört wird. Bhimabhai’s Bruder sagt am Ende einen schönen Satz: „I am happy that my land is happy!“ Das bringt es ziemlich auf den Punkt.


Chapatis, Büffelmilch und viel zu enge Saris...

Die nächsten Tage vergehen wie im Flug und wir tauchen mitten ins Dorfleben ein. Morgens um 5.00 backen wir Chapati mit den Frauen, wir helfen beim Büffelmelken und auf dem Feld. Wir werden zu Dorffesten mitgenommen und von Bhimabhais Enkelinnen/Cousinen/Nichten (so richtig verinnerlicht haben wir die Familienkonstellation immer noch nicht) in Saris gequetscht. Zu unserem Leid, aber definitiv zur Freude der anwesenden Inderinnen, passen unsere europäischen Körper nicht in die zarten indischen Saris. Die Damen machen kurzen Prozess, trennen einfach die Nähte auf und stecken alles wieder mit Sicherheitsnadeln zu.

Der Zusammenhalt der Familien und Dörfler ist riesig und die Gastfreundschaft überwältigend. Um uns vor der Höllenschärfe der hiesigen Speisen zu bewahren, die in Kombination mit 38 Grad Außentemperatur dann doch etwas zu viel für uns ist, wird sogar extra für uns gekocht. Langsam gewöhnen wir uns auch an die Übermengen an Essen und Chai, die uns in regelmäßigen Abständen einverleibt werden. Auch die Offenheit der Menschen beeindruckt uns enorm - trotz Kasten, Traditionen und der für uns veralteten Männer-Frauen Rollenverteilung.


Was Wurmfarmen mit Fairtrade zu tun haben

Während unserer Reise auf-und hinter-die Baumwollfelder, darf natürlich auch der Besuch von Fairtrade Premium Projekten nicht fehlen. Mit Fairtrade-zertifizierter Baumwolle ist das nämlich so: Es gibt einen festen Mindestpreis für die Baumwolle. Wenn der lokale Marktpreis über dem Fairtrade-Mindestpreis liegt, muss der höhere Preis bezahlt werden. So kann sichergestellt werden, dass die Bauern nicht unter Preisschwankungen leiden müssen. Außerdem bekommt jeder Bauer pro verkauftem Kilo Baumwolle eine zusätzlichen Prämie für Gemeinschaftsprojekte. Damit können dann zum Beispiel Wassertanks für Schulen, Brunnen oder eben Wurmfarmen gebaut werden.

Genau solche Projekte gucken wir uns auch an. Unter anderem eine Wurmkompostanlage. Hört sich erst mal verrückt an, ist aber ne ziemlich praktische und wirklich fabelhafte Sache. Die Regenwürmer stellen nämlich aus Kuhmist besten Kompost zum Düngen her. Bio-Dünger vom Feinsten...


Massenaufläufe, Diwali und ein skurriles Festtags-Dinner

Bevor wir heimfliegen, lernen wir auch noch die Familien von Sanchey und Nikhil kennen und besichtigen noch einen ganz speziellen Tempel. Schließlich ist Diwali. Wer davon noch nicht gehört hat: Diwali ist der wichtigste Feiertag der Hindus – so ähnlich wie Weihnachten für uns – und ein Lichterfest (also so ne Art Sankt Martin in geiler.) Der Tempel ist ca. 100 km von Rajkot entfernt und liegt auf einem Hügel. Viele Gläubige pilgern hier her, oft auch mehrere Tage lang. 500 Treppenstufen, 500 Selfies mit Indern und 500 Liter Schweiß später kommen wir oben an. Der Trubel, den wir hier auslösen, ist in etwa so, als würden Jay-Z und Beyonce zusammen über die Schildergasse laufen. Verrückt!

Nach dem Mittagessen in einem auf -18 Grad runtergekühlten Restaurant geht’s ins Dorf von Sanchey. Natürlich hat er unseren Besuch angekündigt und sobald wir das Auto verlassen, verfolgt uns das ganze Dorf auf Schritt und Tritt. Sogar in sein Haus. Auch hier dürfen wir die indische Kultur hautnah miterleben. Wir bekommen Mandis verpasst (aufwändige Henna Tattoos) und streuen Rangolis auf den Fußboden (bunter Sand in schönen Mustern). Währenddessen füttert uns Sanchey’s Mutter immer wieder mit kleinen indischen Leckereien. Das feierliche Abendessen gibt’s zwischen Subway und Domino’s – im Foodcourt (!!) außerhalb der Stadt. Mit Abstand einer der skurrilsten Momente der Reise. Indien ist immer wieder für ne Überraschung gut!

Der Abschied fällt schwer. Mit jeder Menge Erfahrungen & Erlebnissen im Gepäck, abbröckelnden Henna-Tattoos und bis oben gefüllt mit Chapatis, steigen wir in den Flieger zurück nach Deutschland.

Bevor wir fahren hat Bhimabhai noch eine Bitte: „Tell the people in Europe to buy more organic cotton. Even your competitors“. Machen wir Bhimahai, versprochen!

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