Sultan ist 18 Jahre alt und seit drei Jahren in der Türkei. 2014 ist sie mit ihrer Familie aus dem benachbarten Syrien geflohen. Im April 2017 lernen wir sie bei unserem Produktionspartner in Izmir kennen. Hier hat die 18jährige Arbeit gefunden.

Sultan ist immer auf den Beinen. Sie arbeitet als Assistenz in der Produktionsstraße, flitzt von links nach rechts, übernimmt kleine Hilfsarbeiten und liefert den Arbeitern die passenden Teile für den nächsten Verarbeitungsschritt. Sorgenfrei wirkt sie dabei, konzentriert und angekommen.

Sultan aus Syrien – ARMEDANGELS Blog - Eco & Fair Fashion

Dabei ist Sultan erst seit drei Jahren in der Türkei, arbeitet erst seit kurzem in unserer Produktionsstätte. Ihre insgesamt sieben (!) jüngeren Schwestern und die Mutter waren zuerst in Aleppo geblieben, während der Vater in die Türkei ging. Er nutzte die ersten zwei Jahre im Nachbarland, um einen Job zu finden und alles für die Familie vorzubereiten.
„An meinem Job mag ich besonders, dass ich immer in Bewegung bin. Und dass ich anderen dabei helfe, ihrer Arbeit besser zu machen.“

Als der Krieg in ihrer Stadt zu schlimm wurde, war die Zeit reif. Sultan kam mit ihren Schwestern und ihrer Mutter nach. Erst schlugen sie sich zur syrischen Grenze durch, von dort ging es weiter nach Izmir. Über 1000 Kilometer – zu Fuß!

Sultan aus Syrien – ARMEDANGELS Blog - Eco & Fair Fashion

Wenn Sultan auf ihr altes Leben in Aleppo zurückblickt, vermisst sie am meisten, „ein echtes Zuhause“ zu haben. „Das Leben war günstiger in Aleppo,“ sagt sie. „Hier sind wir wieder komplett am Anfang. Wir haben unser Haus und fast unseren ganzen Besitz verloren.“ Mit den Verwandten in Syrien bleibt die Familie über Telefon in Kontakt. Aber „der Krieg wird immer schlimmer. Es ist schwer, an Trinkwasser zu kommen, Lebensmittel sind sehr teuer und oft fällt der Strom tagelang aus.“
„Wir würden gern in der Türkei bleiben. Zuhause ist alles kaputt.“

Deswegen ist Sultans großer Traum auch ein türkischer Pass. „Mein Vater hat hier jetzt einen guten Job, er ist Produktionsleiter in einer Schuhfabrik. Deswegen würden wir gern in der Türkei bleiben. Zuhause ist sowieso alles kaputt.“

Sultan aus Syrien – ARMEDANGELS Blog - Eco & Fair Fashion

Sultans Familie ist damit nicht allein. Seit Beginn des Syrien-Konflikts 2011 kommen immer mehr Flüchtlinge in die Türkei – aktuell sind fast drei Millionen in der Türkei registriert. Es gibt immer wieder Berichte über syrische Flüchtlinge, grade auch Kinder, die in unhaltbaren Verhältnissen in der Textilindustrie arbeiten – ohne Arbeitserlaubnis, illegal und damit auch immer wieder Menschenrechtsverletzungen hilflos ausgeliefert. Sie erhalten keinen Mindestlohn, werden diskriminiert und ausgebeutet.
Bezahlung unter Mindestlohn, Diskriminierung, Menschenrechtsverletzungen

Für unsere Sustainability Managerin Julia ist klar, dass wir bei ARMEDANGELS etwas unternehmen müssen, um das zu verhindern: „Da der Konflikt in Syrien anhält und Menschen wie Sultan und ihre Familie nicht in ihre Heimat zurück können, müssen Wege gefunden werden, sie in die Gesellschaft zu integrieren. Dafür braucht es Jobs. Deswegen unterstützen wir es ausdrücklich, wenn sich unsere Produktionspartner dafür einsetzen, dass sie geflüchteten Syrern in ihrer Fabrik einen legalen und guten Arbeitsplatz bieten können.“

„Wir klären darüber auf, wie unsere Produktionspartner syrische Flüchtlinge anstellen können,“ erklärt Julia weiter. „Dafür haben wir eine Checkliste mit den wichtigsten Infos vorbereitet und auch unsere Position klar formuliert. Dann haben wir ein Seminar der Fair Wear Foundation angeboten, an dem alle unsere Lieferanten teilgenommen haben. Im nächsten Schritt unterstützen wir sie dabei, den Arbeitern eine volle Arbeitsgenehmigung zu ermöglichen“ – damit es für Sultan und ihre Familie eine echte Perspektive gibt.

Update (29. Mai 2017) – Leider hat uns unser Produktionspartner darüber informiert, dass Sultan ihren Job kurze Zeit nach unserem Besuch in Izmir gekündigt hat. Wir versuchen, mehr über ihre Beweggründe zu erfahren. Sobald wir nähere Informationen haben, werden wir diesen Post erneut updaten.